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Dornhan Flüche mit philosophischem Tiefgang

Von Hanni Vollmer

Mit dem Monolog „Der Feierabendbauer“ war das Theater Lindenhof aus Melchingen zu Gast bei KKF – Kunst & Kultur im Farrenstall. Wer sich unter dem Titel schwäbisches Ohnsorgtheater vorgestellt hatte, wurde enttäuscht.

Es war ein Abend, getragen von philosophischen Gedanken über die Existenz kleiner Bauern und die Folgen der heutigen Überflussgesellschaft. Tiefgang hatten die Flüche und Sehnsüchte, die der Kleinbauer auf urschwäbisch von sich gab.

„Schön gehabt“ hätten es seine Kühe, Schweine und Hennen bei ihm. Die Holsteinkuh, die Turbokuh, die 10 000 Liter Jahresleistung Milch produziert, war nie in seinem Stall. Natürlich erzählte Hofreiter nicht alles todernst, Lachen war auch angesagt. Manche Äußerungen waren jedoch so sarkastisch, dass es den Zuhörern buchstäblich im Hals stecken blieb.

Der Bauer ist stinkig. Bürokraten, Kirchturmpolitiker in Berlin und Brüssel und Großkopfete haben ihm sein „Gschäft“ verleidet. „Sabberlot – Hunderte von Vorschriften machen keinen Spaß.“ Geradezu prädestiniert ist Berthold Biesinger, ein „Lindenhofbub der ersten Stunde“, wie er sich selbst nennt, für die Rolle des nebenberuflichen Landwirts Karl Hofreiter, der sein letztes Äckerle verkauft und mit dem Leiterwägele hinaus in die weite Welt zieht. Wie grotesk – er, der seine Heimat so liebt, wird Nomade und Flüchtling im eigenen Land. Nun geht er und sagt sich: „Vornedraus ist noch nix verloren, da kannst du ein neues Werk schaffen, vor einem großen Himmel, der wo über dir ist, vor dem gleichen Himmel, wie der wo hinter dir einmal war.“ Unterwegs trifft er den russischen Quetschkommodisten Wladimir, der anscheinend kein Wort Deutsch versteht.

Voller Missverständnisse sind die Dialoge der zwei. Dem Karle macht das nichts aus, er redet sowieso am liebsten selber. Den melancholische Weisen spielenden Russen lädt er zum zünftigen „Veschbr“ mit Salami, Brot, Espresso und viel Schnaps ein. Begeistert und betroffen gleichermaßen lauschten die Zuhörer im sehr gut besuchten Bürgersaal den Monologen des nach dem verlorenen Glück Suchenden.

Ökologie, Ökonomie, Landwirtschaft, Politik, Turbo-Kapitalismus, Heimat waren die Themen. Da ging es um Missklang von Mensch, Tier, Umwelt, um Wende oder Ende. „Zuständ zom uf dr Sau naus reita“. Dabei kommt er ins Schwärmen über den guten Boden seiner verkauften Äcker, seine „Obschtwiese mit Goldparmener, Brettacher, Glockenäpfel“. Dann spricht er von der Liebe, seiner Liebe zu seiner an Krebs gestorbenen Erika. Warum schickt man Raketen ins Weltall, anstatt das Geld in die Krebsforschung zu stecken?

Nähren die grausamen Schicksale in der Welt nicht auch die Gotteszweifel? Aber ist an allem letztlich nicht der Mensch selbst schuld, mit seiner Gier, seinem Geiz? „Der Mensch ist ein Mängelwesen. Wenn a Kuah so wär, hett mer se schon lang wegdoo.“ Lang anhaltender Applaus für bittere Pillen vom Karle. Für Wladimirs Akkordeonklänge wird ein Zylinder herumgereicht.

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