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Philipp Weber: Pointengewitter im Farrenstall

Von Hanni Vollmer

Nach der Spielpause über den Jahreswechsel startet Kunst und Kultur im Farrenstall schwungvoll in die neue Saison von „Kultur – hautnah“.

Philipp Weber, ein pausenlos plappernder Sprachkünstler der Kabarettszene, hat sich am Samstag im ausverkauften Bürgersaal mit dem Programm „Weber Nr. 5: Ich liebe ihn“ präsentiert.

Das Solo ist einerseits sein fünftes, andererseits soll es an einen bestimmten Duft erinnern. Sympathisch, beweglich und makaber für die einen, zu schnell, zu übertrieben für die anderen, entführt Weber seine Zuschauer in die Welt der Agenturen für Image-Design mit ihrer cleveren Suggestionspolitik. Er philosophiert, ereifert sich und überschüttet das Publikum kübelweise mit Slogans.

„Stuttgart kifft“ ist sein Spot für Kretschmanns Legalisierung von Cannabis. Der 44-jährige Naturwissenschaftler deckt dabei süffisant Unwahrheiten und absurde Argumente auf diesen Gebieten auf. Bei den irrsinnigen Wasserläufen an Informationen stehen so manchen Zuhörern Schweißperlen auf der Stirn. Weber wettert über Marken- und Personen-PR, Werbung für jegliche Zielgruppen und betont, dass Werbung für Kinder unter zwölf Jahren verboten gehört.

Auch Politik, Zeitgeist-Anhänger und gesellschaftlich brisante Themen lässt Weber nicht aus. Für absichtliche Veralterung von Produkten – der Obsoleszenz – nennt er unzählige Beispiele. Ein ­Exempel vorbildlichen Manipulations-Marketing findet großen Applaus. Ein Ehemann sollte Eier kaufen. Überglücklich kommt er mit einem Computer der neuesten Leistung zurück. Da könne er in Sekunden 20 Pfannkuchenrezepte herunterladen. „Ja, und die Eier dazu, wo sind die?“, fragt die Ehefrau. Weber selbst sei auch des öfteren auf solche Marketingkampagnen hereingefallen. Er hatte sich einen Trüffelhobel gekauft, verschiedene Milchaufschäumer und ein 45-teiliges Messerset. Mit zwei Messern davon könne er sogar lardieren. Er müsse jetzt nur noch nachschlagen, was das sei.

Die Bedürfnispyramide

Dann erklärt er anhand der Maslowschen Bedürfnispyramide die Motive der Kauflust. Der Inhaber einer Werbeagentur habe ihn überzeugt. Vor seiner Agentur stand lange Zeit ein Obdachloser mit dem Schild „Arbeitsloser Deutscher – brauche Geld für Essen, habe Hunger“. „Junge, so wird das nichts“, habe er ihm gesagt und ein neues Schild gemalt: „Arbeitsloser Asylant – brauche Geld für Kondome, sonst werden wir mehr“. Heute habe dieser Mann 20 Angestellte. „Unterschätzen sie niemals die Macht der Emotionen“, betont er trocken.

Die Macht von Kundenbindung umschreibt er mit seiner Show: „In 20 Jahren werden sie diesen Abend genossen haben.“ Zusammenfassend sein Rat: „Zeit ist die wichtigste Währung des Lebens. Bleiben sie der Hektik und der Manipulation fern“. Am Ende spendete das Publikum Applaus für das Pointengewitter.

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Die neue Spielzeit beginnt mit Kabarett

Von Hanni Vollmer

„Kleines Städtle – große Unterhaltung – Kultur hautnah mit KKF Kunst & Kultur im Farrenstall“ heißt es auch im Jahr 2019. Kaum ist das Programm 2018 beendet, präsentieren die Macher von KKF die neue Spielsaison in einem ansprechenden Flyer-Format.

Dank der Unterstützung aus Handwerk und Wirtschaft konnten wieder Top-Künstler verpflichtet werden. Von Kabarett, Comedy, Poetry Slam, Musik – von Klassik über Folk – bis hin zu Lesung, Kolumnen oder Open-Air-Schauspiel und Kindertheater erwartet Interessierte künstlerische Vielfalt zum Anfassen.

Die zehn Veranstaltungen, erreichbar mit barrierefreiem Zugang, decken eine große Bandbreite der Unterhaltung über Gattungsgrenzen hinweg ab.

Bereits am 19. Januar geht es los mit Philipp Weber’s Kabarettprogramm „Weber No. 5 – ich liebe ihn!“, eine heitere Anleitung gegen jegliche Versuche der Manipulation. Im Rahmen von „Dreiklang“, Klassik im Landkreis Rottweil, gastiert am 9. Februar das „Duo con Animo“ mit Musik für Flöte und Gitarre von Bach bis Piazolla im Farrenstall. Besucher bis 18 Jahre haben freien Eintritt.

„Ich war mein größter Feind“ – Adele Neuhauser, bekannt als unkonventionelle Bibi Fellner im Wiener „Tatort“ – liest am 1. März aus ihrem autobiografischen Buch. Musikalisch begleitet wird die sympathische Kommissarin von der Band „Edi Nulz“. Gitarrist Julian ist übrigens ihr Sohn.

Tim Ströble und Matthias Trück, zwei Cellisten, machen sich am 6. April auf zu einer musikalischen Reise durch die Lebensfreude Lateinamerikas, Südosteuropas und durch kraftvoll rockige Riffs.

Am 11. Mai ist Sebastian Lehmann zu Gast, bekannt aus SWR3. Diese Veranstaltung war bereits im alten Jahr ausverkauft. Nur noch über den Kauf eines Jahres-Abos ist der Besuch des Auftritts möglich. Mit „Elternzeit“ erzählt er von seinen liebsten Jugendkulturen. Der Kirchplatz Dornhan wird am 29. Juni Bühne für Hugo von Hofmannsthals Klassiker „Jedermann“ mit dem Horber Ensemble „Chamaeleon“.

Paddy Schmidt und seine zwei Folkrocker stehen am 21. September auf dem Programm. Das „Acoustic Trio“ präsentiert „Paddy goes to Holyhead“. Am 12. Oktober geht es um außergewöhnliche Körperbeherrschung. „Herr Niels & Der Fürst der Finsternis“ ist eine Mischung aus Pantomime, Clown und Gummimensch.

Am 3. November tritt das Kindertheater „HERZeigen“ auf und zeigt „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“. Der Kulturkalender endet mit „Kaiser & Plain“. Am 9. November präsentieren die beiden Stars „Besetzungscouch – Die Suche nach der wahren Liege“, ein musikalisch-komödiantischer Abend.

Zwischenzeitlich wird die Spielsaison 2020 vorbereitet. Für das zehnjährige Bestehen haben die Veranstalter bereits zahlreiche Ideen. KKF freut sich über weitere kulturelle Fördermitglieder oder über neue Mitglieder im Ehrenamt, sei es im vereinseigenen Küchenteam (hier werden die Canapés thematisch angeboten), bei der Künstlerbetreuung, am Ausschank, beim Saalrichten (hier wird je nach Veranstaltung gestuhlt, in Reihen, an Tischen, mit Club-Atmosphäre).  Das übertragbare Jahres-Abo kostet 125 Euro (ermäßigt für Schüler, Studenten und Schwerbehinderte), erhältlich nur im Bürgerbüro, ebenso wie die Gutscheine. In den „Buchlese“-Filialen Sulz, Dornhan und Schramberg sowie im Bürgerbüro und bei Geschäftsstellen des Schwarzwälder Boten, Ticket-Hotline 07423/7 87 90 sind für die Veranstaltungen Karten im Vorverkauf erhältlich.

Weitere Informationen: www.kkfdornhan.de

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Wirklich stumm sind Stummfilme nie

Von Hanni Vollmer.

Nach einer etwas längeren Sommerpause, bedingt durch die Fußball-Weltmeisterschaft 2018, startete „Kunst und Kultur im Farrenstall“ am Wochenende wieder schwungvoll in die nächste Event-Saison.

Mit Günter A. Buchwald, dem Mann am Klavier, dem Geiger, Geräuschemacher und Schlagzeuger als Stummfilm-Begleiter bot die Kleinkunstbühne eine keineswegs alltägliche Vorstellung. Der Freiburger, der zu den Mitbegründern der Stummfilmrenaissance zählt, gilt weltweit als Meister seines Faches. Seit 1978 hat er in mehr als 2900 Filmkonzerten mehr als 2600 unterschiedliche Stummfilme begleitet.

Buchwald wird regelmäßig zu internationalen Festivals wie „Giornate del Cinema Muto Pordenone“, dem „British Silent Filmfestival“, dem Retrospektivenprogramm der Berlinale oder dem Filmfestival Kyoto eingeladen. Der musikalische Direktor des Bristol Slapstick Silent und ständiger Gastdirigent des Freiburger Philharmonischen Orchesters Freiburg für Stummfilmkonzerte bei seiner Einführung: „Wirklich stumm waren Stummfilme nie – die Musik zu den laufenden Bildern spielte schon damals eine führende Rolle“.

Als größter und beliebtester Filmstar jener Zeit gilt unumstritten Charlie Chaplin mit seinen faszinierenden Unterhaltungsfilmen und Slapstick – der Visionär, der das, was die Menschen bewegte, reflektierte und brillant umsetzte.

Als Einstieg begleitete Buchwald Sequenzen des Films „Der Pfandleiher“, in dem Chaplin den Gehilfen spielt, der beim Abstauben der Wertgegenstände und beim Putzen der Ladenfassade ständig mit seinem Kollegen in handgreifliche Auseinandersetzungen gerät und um die Gunst der hübschen Tochter des Chefs konkurriert. Mit genialen musikalischen Einfällen ließ Buchwald den melancholischen Mann mit Stock, Melone, Schnurrbart und viel zu enger Jacke lebendig werden.

Die Live-Musik unterstrich die Faszination des historischen Stummfilms. Die Besucher reagierten begeistert. Den Hauptfilm konnte das Publikum auswählen. Die Wahl fiel auf Buster Keatons „Kameramann“, der auf den Tag genau vor 90 Jahren uraufgeführt wurde. Der Held kämpft mit dem Bösewicht um die Gunst des schönen Mädchens. Naivität und Verträumtheit lassen den Kameramann in irrwitzige Lagen bringen.

Tragödie und Komödie reichen sich in dem Stück „Kameramann“ von Buster Keaton die Hand

Tragödie und Komödie reichen sich durchgehend die Hand. Gebärden, Tanz, Stolpern und emotionale Regungen unterstrich der Musiker mit viel Einfühlungsvermögen, Raffinesse und Vielfältigkeit in den Arrangements.

Genial dabei die Synchronisierung von Schnitt, Bild und Live-Musik. Drama und Noten wurden untrennbare Einheit. Buchwalds Musik drängte sich nie in den Vordergrund, gab dem stummen Geschehen jedoch einen hörbaren Ausdruck. Viel Applaus für einen mitreißenden Abend voller magischer dramaturgisch-musikalischer Momente.